Sunday, September 22, 2013

Brecht poems for Oct. 2

I. An die Nachgeborenen (1939)


1.

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn 
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende 
Hat die furchtbare Nachricht 
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo 
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. 
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! 
Der dort ruhig über die Straße geht 
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde 
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt 
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts 
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen. 
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast! 
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn 
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und 
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? 
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise. 
In den alten Büchern steht, was weise ist: 
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit 
Ohne Furcht verbringen 
Auch ohne Gewalt auskommen 
Böses mit Gutem vergelten 
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen 
Gilt für weise. 
Alles das kann ich nicht: 
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 
 
2.

In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung 
Als da Hunger herrschte. 
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs 
Und ich empörte mich mit ihnen. 
So verging meine Zeit 
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten 
Schlafen legte ich mich unter die Mörder 
Der Liebe pflegte ich achtlos 
Und die Natur sah ich ohne Geduld. 
So verging meine Zeit 
Die auf Erden mir gegeben war. 

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit. 
Die Sprache verriet mich dem Schlächter. 
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden 
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. 
So verging meine Zeit 
Die auf Erden mir gegeben war. 
Die Kräfte waren gering. Das Ziel 
Lag in großer Ferne 
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich 
Kaum zu erreichen. 
So verging meine Zeit 
Die auf Erden mir gegeben war. 
 
3.

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut 
In der wir untergegangen sind 
Gedenkt 
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht 
Auch der finsteren Zeit 
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd 
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt 
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir doch: 
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit 
verzerrt die Züge. 
Auch der Zorn über das Unrecht 
Macht die Stimme heiser. Ach, wir 
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit 
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird 
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist 
Gedenkt unserer 
Mit Nachsicht.


To the Not Yet Born

1.

Truly, I live in dark times!
A guileless word is an absurdity. A smooth forehead betokens
A hard heart. He who laughs
Has not yet heard
The terrible tidings.

Ah, what an age it is
When to speak of trees is almost a crime
For it is a kind of silence about injustice!
And he who walks calmly across the street,
Is he not out of reach of his friends
In trouble?

It is true: I earn my living
But, believe me, it is only an accident.
Nothing that I do entitles me to eat my fill.
By chance I was spared. (If my luck leaves me
I am lost.)

They tell me: eat and drink. Be glad you have it!
But how can I eat and drink
When my food is snatched from the hungry
And my glass of water belongs to the thirsty?
And yet I eat and drink.

I would gladly be wise.
The old books tell us what wisdom is:
Avoid the strife of the world
Live out your little time
Fearing no one
Using no violence
Returning good for evil --
Not fulfillment of desire but forgetfulness
Passes for wisdom.
I can do none of this:

Truly, I live in dark times!

2.

I came to the cities in a time of disorder
When hunger ruled.
I came among men in a time of uprising
And I revolted with them.
So the time passed away
Which on earth was given me.

I ate my food between massacres.
The shadow of murder lay upon my sleep.
And when I loved, I loved with indifference.
I looked upon nature with impatience.
So the time passed away
Which on earth was given me.

In my time streets led to the quicksand.
Speech betrayed me to the slaughterer.
There was little I could do. But without me
The rulers would have been more secure. This was my hope.
So the time passed away
Which on earth was given me.

3.

You, who shall emerge from the flood
In which we are sinking,
Think --
When you speak of our weaknesses,
Also of the dark time
That brought them forth.

For we went,changing our country more often than our shoes.
In the class war, despairing
When there was only injustice and no resistance.

For we knew only too well:
Even the hatred of squalor
Makes the brow grow stern.
Even anger against injustice
Makes the voice grow harsh. Alas, we
Who wished to lay the foundations of kindness
Could not ourselves be kind.

But you, when at last it comes to pass
That man can help his fellow man,
Don't judge us
Too harshly.

translated by H. R. Hays  (modified)



II.

Ausschließlich wegen der zunehmenden Unordnung


In unseren Städten des Klassenkampfs


Haben etliche von uns in diesen Jahren beschlossen


Nicht mehr zu reden von Hafenstädten, Schnee auf den

 Dächern, Frauen


Geruch reifer Apfel im Keller, Empfindungen des

 Fleisches


All dem, was den Menschen rund macht und menschlich


Sondern zu reden nur mehr von der Unordnung


Also einseitig zu werden, dürr, verstrickt in die Geschäfte


Der Politik und das trockene »unwürdige« Vokabular


Der dialektischen Ökonomie


Damit nicht dieses furchtbare gedrängte Zusammensein


Von Schneefällen (sie sind nicht nur kalt, wir wissen's)


Ausbeutung, verlocktem Fleisch und Klassenjustiz eine

 Billigung


So vielseitiger Welt in uns erzeuge, Lust an


Den Widersprüchen solch blutigen Lebens


Ihr versteht.

Purely on account of the growing disorder
In our cities of the class struggle
Many of us during these years have decided
No more talk of port cities, snow on roofs, women
The smell of ripe apples in cellars, sensations of flesh
All the things which make people well-rounded and human
But to speak only of the disorder
So, to become one-sided, arid, entangled in the business
Of politics and the dry "unrewarding" vocabulary
Of dialectical economy
In order that this terrible concentration
Of snowfalls (they are not just cold, we know that)
Exploitation, misappropriated flesh and class justice should not
Produce in us approval of such a diverse world, joy in
The contradictions of such a bloody life
You understand.

(GW 9, 519)

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